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Im Gespräch mit Markus Albers - Autor des Buchs “Morgen komm ich später rein”

Klaus-Martin Meyer: Markus, Du bist der Autor des soeben erschienen Buches “Morgen komm ich später rein“. Könntest Du dich und dein Buch bitte kurz vorstellen?

Markus Albers: Ich bin seit 14 Jahren Journalist, schreibe für Titel wie Monocle, Vanity Fair, Welt am Sonntag oder AD. Meine Erfahrungen als Freiberufler und Festangestellter zeigen mir immer wieder ein fundamentales Dilemma: Selbstständige arbeiten meist effizienter, haben mehr Freiheit, mehr Spaß, manchmal sogar mehr Geld. Bloß keine klassische Karriere. Die lässt sich nur innerhalb von Unternehmen machen, doch wählt man diesen Weg, ist man sofort wieder in allen Ärgernissen des Büroalltags wie Anwesenheitspflicht, Ablenkung, täglicher Routine gefangen. Ich dachte mir: Es muss einen Mittelweg zwischen beiden Extremen geben, also habe ich das recherchiert. Das Ergebnis ist gerade als Buch unter dem Titel „Morgen komm ich später rein“ im Campus-Verlag erschienen. Ich habe mit großen Unternehmen von BMW und Best Buy über die Deutsche Bank bis SAP und IBM gesprochen, außerdem mit vielen Mittelständlern. Überall ist das, was ich Easy Economy nenne, gerade ein Riesenthema: Arbeitgeber fangen zunehmend an, ihre Festangestellten nicht mehr jeden Tag ins Büro zu zwingen, sondern arbeiten zu lassen, wann und wo diese wollen. Die Angestellten sind dann nachweislich motivierter, produktiver kreativer und loyaler. Sie leisten mehr, kündigen seltener, haben bessere Einfälle. Dem Unternehmen fällt es leichter, die besten Talente zu rekrutieren – angesichts des steigenden Fachkräftemangels ein zentrales Argument. Außerdem spart es bis zu 50 Prozent an Immobilienfläche und Energiekosten. Im Grunde ist es ein Buch darüber, wie die neueste Technik uns endgültig vom Büro emanzipiert.

Klaus-Martin Meyer: In den Zeiten des Shareholder Value wurde Managern applaudiert, die nicht betriebsnotwendiges Kapital wie Immobilien verkauften und hinterher dann vom neuen Eigentümer mieteten. Wäre es sinnvoller gewesen, gleich Nachmieter zu suchen und die Mitarbeiter zur Arbeit nach Hause zu schicken?

Markus Albers: Zumindest wirkt es in Zeiten von schnellen Internetverbindungen, E-Mail-fähigen Handys und kollaborativer Software – also Technik, die es Menschen ermöglicht, auch von zu Hause aus zu arbeiten, aus dem Café oder sogar am Strand – zunehmend altmodisch, wenn Unternehmen riesige Betonklötze mit Einzelbüros unerhalten, in die sie ihre Mitarbeiter jeden Tag pferchen. Studien zeigen: Im Büro ist man ständig durch Emails, Telefonate, Kollegen und Meetings abgelenkt und kommt oft kaum zum Arbeiten. Unternehmen wie IBM oder die Deutsche Bank, die ihre Angestellten konsequent vom Schreibtischzwang befreien, haben dadurch bis zu 50 Prozent der Bürofläche eingespart. Es wird zwar immer Büros geben, aber ihre Rolle ändert sich: Sie werden zunehmend Orte der Kommunikation, des Austauschs, auch der gemeinsamen Kreativität. Nach der Planungsrunde oder dem Briefing kann ich dann aber dort auch wieder verschwinden und die Arbeit erledigen, wann und wo es mir am besten passt.

Klaus-Martin Meyer: Ist der aktuell hohe Benzinpreis ein Katalysator für die “Easy Economy”, die Du in deinem Buch skizierst?

Markus Albers: Er ist sicher nicht der Auslöser, denn das Ganze ist keine reine Sparmaßnahme, sondern befördert vor allem Produktivität, Commitment und Kreativität. Aber er verstärkt natürlich den Trend. Viele Angestellte, aber auch Chefs fragen sich zunehmend, warum sie jeden Morgen im Stau in der Rush-Hour stehen, nur um dann im Büro auf einen Bildschirm zu schauen. Das könnten sie auch zu Hause – vorausgesetzt sie sind mit dem Firmenserver verbunden und haben Zugriff auf alle Daten, was aber heute kein Problem mehr ist.

Klaus-Martin Meyer: Mein Eindruck ist, dass es in einer kleinen Inhaber geführten Firma einfacher sein wird, den Chef zu überzeugen, auch mal von Zuhause zu arbeiten. Inhaber haben in meiner Wahrnehmung eher die Einstellung “Hauptsache, die Arbeit wird gemacht!”. Angestellte Manager, die sich vor einem anderen ebenfalls angestellten Manager rechtfertigen müssen, sind da weniger bereit Freiheiten zu gewähren, auch wenn diese die Produktivität steigern könnten. Wie siehst Du das?

Markus Albers: Absolut korrekte Einschätzung. Die Experten, mit denen ich gesprochen habe, zum Beispiel vom Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation bestätigen genau das: Mitarbeiter hätten gern mehr Freiheit und die obersten Entscheidungsträger oder Inhaber sehen den Sinn der Easy Economy – übrigens nicht nur in kleinen Firmen. Das Problem ist meist das mittlere Management, die Abteilungsleiter. Die sind es gewohnt, ihre Schäfchen jeden Tag zu sehen und über Anwesenheit zu führen. Sie kontrollieren damit aber Zeit statt Ergebnis und das ist in der Wissensgesellschaft eine sehr altmodische Art, Arbeit zu messen. Die Manager müssen lernen, loszulassen, Ihren Mitarbeitern zu vertrauen, dass diese die neue Freiheit nicht ausnutzen. Die Erfahrung sagt übrigens: Wenn man nicht mehr Anwesenheit belohnt, sondern Ergebnisse misst, enttarnt man Faulenzer viel effektiver.

Klaus-Martin Meyer: Wie wird sich die Easy Economy in den kommenden fünf Jahren entwickeln? Welchen Einfluss wird diese auf die Verkehrsströme auf der A1 und in den Innenstädten haben?

Markus Albers: Manager und Experten schätzen, dass in den nächsten fünf Jahren bis zu 50 Prozent aller Arbeitsplätze so mobil und flexibel sein können, dass sie zu den von mir so genannten neuen Freiangestellten gehören. Das wäre ein radikaler Wandel der Art, wie wir arbeiten und leben. Das entstaut dann auch die A1 sowie die Innenstädte und ist gut fürs Klima: Studien zeigen, dass zehn Millionen Freiangestellte, die pro Woche ein bis zwei Tage von zu Hause aus arbeiten, elf Millionen Tonnen CO2 pro Jahr weniger verbrauchen würden. Bereits durch einen Tag Heimarbeit pro Woche würde ein einzelner Pendler bei einem Arbeitsweg von 20 Kilometern 295 Kilogramm CO2 im Jahr einsparen. Zum Vergleich: Dafür können Sie zu Hause 1 000 Tage lang neun Stunden pro Tag das Licht anlassen.

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2 Kommentare zu “Im Gespräch mit Markus Albers - Autor des Buchs “Morgen komm ich später rein””

  1. Markus Albers — Journalist & Autor sagt:

    […] Das schöne Ranking liegt sicher auch an den regelmäßig erscheinenden positiven Rezensionen. Gestern und heute waren es gleich vier: Johannes Kleske beleuchtet auf tautoko das Verhältnis von Freiangestellten und Digitaler Bohème. Im Interviewblog hat Klaus-Martin Meyer einige kritische und überraschende Fragen an mich zu Themen wie unwilligen Chefs, Benzinpreis und dem Stau auf der A1. Frank Neuhaus und Jörg Weisner scheinen das Buch auch gemocht zu haben. Danke für die nette Unterstützung. […]

  2. Harald Weber sagt:

    Ich bin seit 13 Jahren selbständig und möchte mit keinem Festangestellten tauschen. Allerdings ist es wichtig ein Netzwerk zu unterhalten, dass auch etwas festere Strukturen hat. In meinem Fall sind das 35 Beraterkollegen aus verschiedenen europäischen Ländern, wobei wir uns mindestens einmal im Jahr auch physisch treffen.

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