Frank Hantke Friedrich Ebert Stiftung “Wir wollen uns - wenn irgend möglich - am optimistischen Szenario der Annäherung in unserer Kooperation mit Süd-und Nordkorea orientieren.” - Im Gespräch mit Frank Hantke » Interview Blog

“Wir wollen uns - wenn irgend möglich - am optimistischen Szenario der Annäherung in unserer Kooperation mit Süd-und Nordkorea orientieren.” - Im Gespräch mit Frank Hantke

Klaus-Martin Meyer: Herr Frank Hantke, Sie arbeiten für das Referat Asien und Pazifik der Friedrich-Ebert-Stiftung. Könnten Sie bitte sich und Ihre Stiftung kurz vorstellen?

Frank Hantke: Die Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) arbeitet weltweit in etwa 100 Büros und unterstützt die Entwicklung demokratischer Verhältnisse in den Partnerländern. In meinem Referat ist auch die Koordinierung des Büros der FES Korea angesiedelt, das sich in Seoul befindet. Von dort entwickeln wir auch Kooperationsprogramme mit nordkoreanischen Partnern, wenngleich dies zur Zeit aus vielerlei Gründen sehr eingeschränkt möglich ist.

Klaus-Martin Meyer: Sie waren kürzlich trotz existierender Reisewarnungen in Nordkorea. Hat man da nicht auch Angst in so ein Land zu reisen, dass man zudem vermutlich nur von China aus in einem alten russischen Flugzeug erreichen kann?

Frank Hantke: Zunächst einmal: der Hinflug von Beijing nach Pyongyang mit der Air China erfolgte mit einem modernen Airbus, der Rückflug wurde von der Air Koryo angeboten. Die Maschine, eine Tupolev 204, war brandneu. Ich muss sagen, dass wir alle eher wenig Angst verspürten, der Einladung der nordkoreanischen Seite zu folgen. Das hat weniger etwas mit Mut zu tun als vielleicht mehr mit der Erfahrung, dass oftmals nicht alles so ist wie es scheint, und dass gerade im koreanischen Konflikt die Worte oftmals heißer sind als es die Realität ist - und dies nicht nur bei den Koreanern selbst.

Klaus-Martin Meyer: Was ist die Rolle der Friedrich-Ebert-Stiftung in Nordkorea?

Frank Hantke: Wir bemühen uns, mit einem Informations- und Dialogprogramm mit politischen Ansprechpartnern in Nordkorea eine Arbeitsbasis aufzubauen, die eine künftig hoffentlich vertiefte Kooperation in wirtschafts- und sozialpolitischen Fragen möglich macht. Dabei hoffen wir sehr, dass die internen und externen Blockaden des Landes Zug um Zug gelockert werden, denn dann wären diese intensiveren Kooperationen möglich.

Klaus-Martin Meyer:
Kürzlich wurde ein südkoreanisches Kriegsschiff augenscheinlich von den nordkoreanischen Streitkräften versenkt. Welches Interesse kann Nordkorea an der Aktion haben oder steckt dahinter vielleicht das Einzelinteresse eines Offiziers?

Frank Hantke: Unsere diesbezüglichen Fragen an die nordkoreanische Seite wurden mit Kopfschütteln beantwortet. Nordkorea bestreitet ja eine Urheberschaft. Wir können uns hierzu kaum eine abschließende Meinung bilden, dringen aber darauf, dass alle Möglichkeiten ausgeschöpft werden, die Ursachen mit Beteiligung und Zustimmung aller beteiligten Seiten zu ergründen. Dies wäre wesentlich besser, als allseits über Beweggründe zu spekulieren und daraus jeweils politisch genehme Schlüsse zu ziehen.

Klaus-Martin Meyer: Sie haben vor Ort mit Vertretern der Deutschen Welthungerhilfe gesprochen. Wie ist Ihr Eindruck? Ist deren Engagement nützlich und bedarf es erweiterter Unterstützung?

Frank Hantke: Aber natürlich ist es nützlich, und natürlich bedarf es der Ausweitung! Wir waren sehr beeindruckt, mit welch geringen Mitteln ein so großer Effekt erzielt werden kann. Allerdings ist dies auch ein Verdienst von Menschen, wie Karl Fall, die sich dort engagieren. Angesichts der großen Ernteerfolge durch die Projekte möchte man fast das “Fach” wechseln, denn auf politischer Ebene, sind die Dinge leider sehr viel verworrener, komplizierter und langwieriger.

Klaus-Martin Meyer: Wie kurios man das als Europäer auch immer findet. In Nordkorea sind auch hiesige Firmen aktiv: Drei schwedische Jungunternehmer (www.nokojeans.com) haben in Nordkorea Jeans produzieren lassen. Am Tag der Eröffnung ihres Verkaufsstandes in einer Stockholmer Shoppingmall hat der Vermieter den Vertrag mit dem Hinweis auf die schlechten Arbeitsbedingungen nordkoreanischen Fabrikarbeiter gekuendigt. Halten Sie das fuer gerechtfertigt?

Frank Hantke: Ich halte das nicht für gerechtfertigt. Im Grunde verfolgen doch derartige Geschäftsmodelle etwa z.T. das, was wir auf der politischen Ebene auch verfolgen: wie z.B. Kennenlernen, Dialog, Austausch, wirtschafts- und sozialpolitische (Re-)Integration in die internationale Gemeinschaft. Und ich empfehle jeder und jedem, die sich über - ihnen meist unbekannte - Arbeitsbedingungen in Nordkorea aufregen (vermutlich  z.T. nicht einmal unbedingt ungerechtfertigt), auch einmal z.B. die entsetzlichen Arbeits- und Lebensbedingungen in den Maquiladoras (an der Mexikanisch-US-Amerikanischen Grenze) anzuschauen.
Die dort gefertigten Produkte werden - übrigens ohne jede Anklage - überall verkauft.  Ich sage das, nicht um zu relativieren, mehr aber um kritisch zu hinterfragen, warum zu oft ganz unterschiedliche Maßstäbe für Bewertungen angelegt werden.

Klaus-Martin Meyer: Mit der Firma Nosotek ist eine Softwarefirma unter deutscher Beteiligung in Pjöngjang aktiv. Die Firma wirbt mit westlichen Arbeitsbedingungen und gibt vor, Software für den Weltmarkt zu produzieren. Welchen Eindruck konnten Sie vor Ort gewinnen und sind westliche Arbeitsbedingungen in Nordkorea überhaupt realistisch?

Frank Hantke: Wir hatten die Möglichkeit, uns recht lange mit Herr Elösser, dem deutschen Chef von Nosotek, zu unterhalten und die Büroräume zu besuchen. Der Begriff “westliche Arbeitsbedingungen” ist ja arg strapazierbar, nicht wahr? Schaut man sich “westliche” Arbeitsbedingungen in Sweatshops selbst in EU-Staaten an, möchte man das Nordkoreanern kaum wünschen. Unser Eindruck war, dass die dort beschäftigten jungen Leute außerordentlich zufrieden mit den ihnen gebotenen Arbeitsbedingungen waren, die gewiss in vielen Belangen als außergewöhnlich gut für nordkoreanische Verhältnisse bezeichnet werden können. Aber schon die Vielzahl der Regelwerke, die ein deutscher bzw. ausländischer Unternehmer in Pyongyang berücksichtigen muss, schränken seinen Handlungsrahmen stark ein - auch in Hinblick auf sozialpolitische Regelungen. Insofern muss Ihre Frage, ob “westliche Arbeitsbedingungen” möglich sind, verneint werden. Gesehen haben wir aber Arbeitsbedingungen, die wir im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten als sehr gut empfinden konnten. Aber natürlich sind auch da künftig noch Verbesserungen nötig, ob z.Zt. aber Verbesserungen bei Nosotek noch möglich sind, mag man eher bezweifeln.

Klaus-Martin Meyer:
Zum Abschluss wie gewohnt unsere Standardfrage: Wo steht Nordkorea aus Ihrer Sicht in fünf Jahren?

Frank Hantke: Ehrlich, das kann ich nicht sagen. Man kann sich nur einige Szenarien denken. Eines ist, dass sich Nordkorea selbst weiterhin so abschottet und gleichzeit vom Rest der Welt blockiert wird. Dann werden sich vermutlich die Dinge, wie Versorgungslage, Wirtschaftspolitik usw. weiter verschärfen. Wir wissen aus zu vielen Beispielen, dass aus derartigen Isolierungen kaum Gutes entstehen kann. Ein weiteres, wesentlich optimistischeres Szenario ist, dass sich in beiden koreanischen Teilen diejenigen durchsetzen, die wieder zu einer Politik der Verständigung und Annäherung zurückfinden, die Anfang des Jahrzehntes noch gegolten hat. Für positive Wirkungen einer solchen Politik gibt es ebenfalls Beispiele - nicht zuletzt Deutschland mit der Brandt/Bahr-Politik der Annäherung seit Beginn der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, die immerhin den Weg zur deutschen Wiedervereinigung erst möglich gemacht hat. Zwischen diesen Szenarien gibt es noch eine Fülle weiterer denkbarer Entwicklungen. Wir als Friedrich-Ebert-Stiftung wollen uns - wenn irgend möglich - am optimistischen Szenario der Annäherung in unserer Kooperation mit Süd-und Nordkorea orientieren.

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3 Kommentare zu ““Wir wollen uns - wenn irgend möglich - am optimistischen Szenario der Annäherung in unserer Kooperation mit Süd-und Nordkorea orientieren.” - Im Gespräch mit Frank Hantke”

  1. Nordkorea-Info sagt:

    „Reisetagebuch“ zum Besuch der deutschen Parlamentarier in Nordkorea…

    Update (15.06.2010): Passt zwar inhaltlich nicht hundertprozentig zu Kiesslers Artikelserie aber thematisch sehr gut zu der Reise der Parlamentarier an sich, daher schreib ichs kurz hier dazu: Der Interviewblog hat nach dem Interview mit dem Bundestags…

  2. North Korean Economy Watch » Blog Archive » Frank Hantke on the Friedrich Ebert Stiftung’s DPRK operations sagt:

    […] The German-language Interview Blog has posted an interview with Frank Hantke on the Friedrich Ebert Stiftung’s DPRK operations. […]

  3. Frank Hantke on the Friedrich Ebert Stiftung’s DPRK operations | theworldnet.info sagt:

    […] The German-language Interview Blog has posted an interview with Frank Hantke on the Friedrich Ebert Stiftung’s DPRK operations. […]

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