Jürgen Bein Kaesong “Bei dem Gedanken an eine Investition in Kaesong sollte die 1. Maßnahme sein: Hinfahren.” - Im Gespräch mit Jürgen Bein (Kasong-Tourist) » Interview Blog

“Bei dem Gedanken an eine Investition in Kaesong sollte die 1. Maßnahme sein: Hinfahren.” - Im Gespräch mit Jürgen Bein (Kasong-Tourist)

Klaus-Martin Meyer: Herr Bein, Sie waren kürzlich in der nordkoreanische Sonderwirtschaftszone Kaesong. Können Sie sich bitte kurz vorstellen und erzählen wie man nach Kaesong kommt?

Jürgen Bein: Ich bereise seit 1970 die südostasiatischen Länder, früher als Welt-Vertriebsleiter, inzwischen privat. So habe ich auch die Entwicklung in China “hautnah” miterlebt.
Seit November 2007 erst sind Tages-Ausflüge nach Kaesong möglich. Ein Büro in Seoul (info@gonseekorea.com) erledigt die umfangreiche Bürokratie. Die Busse verlassen Seoul um 5:00h und sind um 19:00h zurück. Veranstalter ist die Firma Hyunday (Hyunday Asan). Pro Tag dürfen 300 Personen nach Kaesong fahren. Die Touren sind meist für 4-6 Wochen im Voraus ausgebucht. Ganz überwiegend Südkoreaner. Mir ist aufgefallen, daß kaum jüngere Leute dabei waren.

Klaus-Martin Meyer:
Durch einen Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung wurde ich das erste Mal auf die aufmerksam. Mich faszinierte der Gedanke “Wandel durch Handel”. Wie realistisch ist aus Ihrer Sicht dieser Ansatz?

Jürgen Bein: Deng Xiaoping hat 1978 die Parole ausgegeben: China wird bis zum Jahr 2000 Japan als Wirtschaftsmacht überholen. Alle in China wollten diesen Aufbruch. Es galt, der riesigen Bevölkerung zu Wohlstand zu verhelfen.
Die ( Militär-)Führer in Nord-Korea geniessen offenbar den größten Luxus. Was könnten die durch Veränderung gewinnen? Nichts; die haben ja schon alles. Die können also nur verlieren. Warum sollten die das tun? Die Frage nach dem denkbaren Wandel wird sich fürs Erste nicht stellen, weil es gar keinen nennenswerten Handel geben wird.

Klaus-Martin Meyer: Was ist Ihr Eindruck von Kaesong?

Jürgen Bein: Nach unterschiedlichen Angaben hat die Stadt 2 oder 300.000 Einwohner. Es sind nicht viele Menschen zu sehen. Überall, wo Menschen sind oder sein könnten, steht ein Soldat. Die Stadt ist durchzogen von sehr großen, offensichtlich neu gebauten Straßen. Ohne jeden Verkehr! Außer unseren militärischen Begleitfahrzeugen haben wir während des ganzen Tages nicht ein einziges Fahrzeug gesehen. Übrigens auch nicht außerhalb von Kaesong.
Anders als in China gibt es auch nicht so viele Radfahrer. Die fahren neben den Straßen auf schlechten Wegen.
Die Gebäude und Flächen neben den Straßen sind heruntergekommen. Selbst neuere Gebäude sind nie mit Farbe in Berührung gekommen. Der große Fluß in der Stadt führt wenig Wasser, wird offensichtlich aber als Müllkippe benutzt.
Bei unseren verschiedenen Fahrten durch die Stadt haben wir kein Geschäft gesehen.

Klaus-Martin Meyer: Ist es aus Ihrer Sicht für deutsche Firmen interessant in Kaesong zu investieren?

Jürgen Bein: Was bei uns zu dem Industrie-Gelände in der Nähe von Kaesong veröffentlicht wird, ist erstaunlich. Vermutlich sind die Autoren nicht dort gewesen. Waren im Wert von US $ 300 Mio. sind dort produziert worden, war zu lesen.

Bei dem Gedanken an eine Investition in Kaesong sollte die 1. Maßnahme sein: Hinfahren. Während dieser Tages-Tour wird der Industrie-Komplex 2 mal vollständig umfahren. Genügend Gelegenheit, das Gelände eingehend zu studieren. Es sind viele große Industrie-Bauten/Fabrik-Hallen fertig gestellt, viele andere auch nur halb fertig. Das Gebiet ist völlig leer und ohne jede Tätigkeit.
Kein Fahrzeug, keine Fahrzeug-Spuren, kein Wächter. Es gibt keinen Soldaten. Selbst auf den umliegenden Feldern und in den kleinen Wohnsiedlungen der Bauern: Wo Menschen sind oder sein können, steht ein Soldat.
Apropos Felder: Es war Erntezeit. Ich habe auf der Reise in den Nachbar-Ländern die erntereifen Reisfelder gesehen. Sattes, kräftiges, volles Grün. Und hier dürre Pflanzen, zwischen denen die Erde zu sehen ist. Das erklärt, warum vor meiner Abreise die deutschen Zeitungen von 6,5 Mio Nordkoreanern schrieben, die vom Hungertod bedroht sind.
Ich habe Anfang der 80iger Jahre in Shenzen, der Freihandelszone in Süd-China, gesehen, mit wieviel Engagement Chinesen in Hong Kong-Firmen gearbeitet haben. So haben die sich einen Lebensstandard erworben. Aber hier? Menschen, die unter so deprimierenden Verhältnissen leben müssen, sind nicht zu motivieren. Selbst wenn sie Geld bekommen würden, was könnten sie damit anfangen. Das zu den potenziellen Arbeitskräften in einer Fabrik.
Sie wollen Material einkaufen und Ihre Produkte ausliefern. Die Zufahrts-”Straße” nach Kaedong ist ein besserer Bergpfad. Unsere Busfahrer waren Artisten. Hier ist der An-und Abtransport nur unter schwierigen Umständen vorstellbar. - Wir waren immer in der Nähe der Eisenbahnstrecke nach Süd-Korea. Einen Zug haben wir nicht gesehen.
Fazit: Ich könnte mir keine Investition in Kaesong vorstellen.

Klaus-Martin Meyer: Zum Abschluss unsere Standardfrage. Wie wird sich aus Ihrer Sicht der Industriekomplex in Kaesong in den kommenden fünf Jahren entwickeln.

Jürgen Bein: Man kann nicht wissen, wie sich die Politik in Zukunft entwickeln wird. Zur Erinnerung: den 1. Besuch eines Südkoreanischen Präsidenten in Nord-Korea hat der Hyunday-Chef mit US $ 100 Mio erkauft. Wenn ich lese, daß Nordkorea sehr an der Entwicklung von Wirtschaftsbeziehungen interessiert ist. Meine südkoreanischen Mitreisenden glauben, die Nordkoreaner wollen mit diesen Touren nur Devisen einnehmen (alles ist in US $ zu zahlen). Die Informations-Broschüren sind nur in Koreanisch. An diesem Tag waren außer mir 3Japaner und 1 Amerikaner dabei.
Ich habe nach 1978 in China erlebt, was dort alles unternommen wurde, um Ausländern die Zusammenarbeit zu erleichtern. Davon habe ich auf der Tour nichts gesehen.
Was ich hier geschildert habe, spricht nicht dafür, daß die Industrie Zone Kaesong prosperieren wird. Eine brauchbare Zufahrtstrasse durch die bergige Umgebung zu bauen, dürfte ein paar Jahre dauern. Es deutet nichts darauf hin, daß man in absehbarer Zeit damit anfangen wird.
Ob das System kollabiert, wie einst die DDR? Die Einnahmen aus den Tages-Touren tragen dazu bei, das System zu stabilisieren.

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3 Kommentare zu ““Bei dem Gedanken an eine Investition in Kaesong sollte die 1. Maßnahme sein: Hinfahren.” - Im Gespräch mit Jürgen Bein (Kasong-Tourist)”

  1. North Korean Economy Watch » Blog Archive » Interview with president of Nosotek, JV company in DPRK sagt:

    […] UPDATE: Here is an interview with Jürgen Bein about the Kaesong Industrial Zone (In German) […]

  2. Deutsche Welle, Interview Blog, Nominierung, Nordkorea The Bobs 2008 im Interview Blog sagt:

    […] Interview mit Ken Frost, CEO Phoenix Commercial Venture Gespräch mit Voker Eloesser, President von Nosotek JV Company Gespräch mit Jürgen Bein, Kaesong-Tourist […]

  3. Jürgen Bein sagt:

    Jürgen Bein Kaesong
    Heute sendete das Bayrische Fernsehen einen Bericht über Nord-Korea;u.a.Kaesong und dessen Industrie-Zone. “Wir hätten das zu gern gesehen, aber das wurde nicht erlaubt”, sagte der Sprecher. Warum eigentlicht nicht?

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