“An Universitäten wurde 300 Jahre lang mit Tafel und Kreide unterrichtet” - Prof. Dr. Oliver Vornberger zum Thema Podcasts in der Lehre
Klaus-Martin Meyer: Herr Prof. Dr. Vornberger, Sie lehren an der Universität Osnabrück am Fachbereich Mathematik/Informatik. Können Sie sich und Ihre Arbeit kurz vorstellen?
Prof. Dr. Oliver Vornberger: Als Leiter der Arbeitsgruppe “Medieninformatik” befasse ich mich mit den Gebieten “Multimedia” und “Web Publishing”. Neben der Erstsemesterveranstaltung “Algorithmen & Datenstrukturen in Java” biete ich regelmäßig die Vorlesungen “Computergrafik” und “Datenbanksysteme” an. In der Selbstverwaltung betätige ich mich als Studienberater, Direktor des Instituts für Informatik, Mitglied im Senat der Universität.
Klaus-Martin Meyer: In der letzten Woche hatte ich die Gelegenheit im Rahmen einer Veranstaltung des “Regionalzentrums für Electronic Commerce Anwendungen Osnabrück (Reco)” eine Vortrag von Ihnen zu hören. Ich habe gestaunt, wie Praxisbezogen das Studium heute offenbar ist. Einer Ihrer Studenten hat sogar in den USA ein Startup gegründet. Motiviert diese Praxisorientierung die Studenten zusätzlich?
Prof. Dr. Oliver Vornberger: Die deutschen Hochschulen sind allgemein in den letzten Jahren praxisorientierter geworden, nicht zuletzt auf Druck der Studenten. Wissenschaft stellt ja keinen Selbstzweck dar, sondern versucht für anspruchsvolle Fragestellungen mit komplexen Werkzeugen praktikable Lösungen zu finden.
Klaus-Martin Meyer: Auf bildungsklick.de ist zu lesen, dass Sie im applestore mit Vorlesungs-Podcasts die Charts erobern. Wie kam es zu der Idee die Podcasts anzubieten und wie fühlt man sich als Chartstürmer?
Prof. Dr. Oliver Vornberger: Seit drei Jahren erstellt Virtuos, das Zentrum zur Unterstützung der virtuellen Lehre an der Universität Osnabrück, für meine Vorlesungen “Algorithmen” eine Videoaufzeichnung für unsere Präsenzstudenten. Um uns an die neuen Vertriebswege für digitale Medien und die Konsumgewohnheiten unserer Studenten anzupassen, wandeln wir jeweils nach der Vorlesung die Videoaufzeichnung in ein Video-Podcast-Format um und hinterlegen die Downloadadresse unseres Servers im Apple iTunes Store. Wer unsere Vorlesung abonniert hat, bekommt dadurch regelmäßig die neuen Folgen auf seinen PC übertragen. Im Apple Store werden Statistiken über die Beliebtheit der Podcasts geführt: im Dezember 2006 waren wir vier Wochen lang die Nummer 1 in der Kategorie “Bildung”, in der etwa Tausend Angebote, meistens von großen Verlagen, um die Aufmerksamkeit der User buhlen. Dass wir als Nobody und Newcomer direkt so gut eingeschlagen sind, hat uns sehr gefreut.
Klaus-Martin Meyer: Bevor im Fußball die Fernsehgelder flossen, sorgten sich die Vereine, ob parallel zu einer Übertragung überhaupt noch jemand ins Stadion geht. Ist auch für die Studenten das Live-Erlebnis aufregender als die “Konserve”, die man aufmachen kann, wenn man mal durch Krankheit verhindert ist?
Prof. Dr. Oliver Vornberger: Ein Viertel der Präsenzstudenten verzichtet inzwischen auf den Hörsaalbesuch und schaut sich die Vorlesung am heimischen PC an. Offenbar werden von dieser Grupppe die freie Zeit- und Ortseinteilung sehr hoch eingeschätzt. Das sieht der Dozent natürlich ein bischen mit Sorge, da er dadurch den Kontakt zur Hörerschaft verliert.
Klaus-Martin Meyer: Zum Abschluß wollen wir auch Ihnen unsere Standardfrage nicht vorenthalten. Wie wird die Technik (wie z.B. die Podcasts) die Lehre in den nächsten Jahren verändern?
Prof. Dr. Oliver Vornberger: An Universitäten wurde 300 Jahre lang mit Tafel und Kreide unterrichtet. In den letzten Jahren kamen Skript und Webseiten dazu, inzwischen sind Videoaufzeichnungen auf dem Vormarsch. In meinen Augen verbessert sich dadurch die Lehrqualität, da der Dozent sich mehr Gedanken über die Gestaltung seiner Vorlesung macht. Wenn jeder Patzer für die Ewigkeit archiviert wird, denkt man vorher lieber zweimal nach.
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