“Vorsicht, dem Kenner verraten die Uhren mehr als dem Träger lieb sein könnte!” Im Gespräch mit Torsten Mischke
Klaus-Martin Meyer: Torsten, Du bist der Macher von watch-wiki.com und glashuette-uhrenlexicon.de. Kannst Du beide Projekte zum Thema Uhren etwas näher beschreiben?
Torsten Mischke: Wenn du Uhren sammeln möchtest brauchst du Wissen. Zum einen ist der geschichtliche Hintergrund spannend, zum anderen schützt dich dieses Wissen vor Fehlkäufen. Der Markt ist voll mit Fälschungen!
Nachdem ich diese schmerzliche Erfahrung selbst machen mußte, reifte in mir der Entschluß, ein Lexikon über Glashütter Uhren zu machen. 2001 war es dann so weit: Die CD Faszination Glashütte war am 7. Dezember fertig. Das Glashuette-UhrenlexiCon (GHUL) gab es seither auch im Internet - sozusagen als “Leseprobe” zur CD. Aber auch im Internet gilt: Stillstand ist Rückschritt. So ist aus der einstigen “Leseprobe” eine eigene Plattform mit Forum entstanden.
Aber ein Lexikon ist immer nur am Tag des Redaktionsschlusses aktuell. Schon einen Tag später fehlen wichtige Ereignisse. Dazu kommt, daß am Ortsausgangsschild von Glashütte die Uhrenwelt nicht zu Ende ist! Wer aber Wissen über alle Uhren aus Vergangenheit und Gegenwart zusammentragen möchte braucht viele (Uhren-) Freunde und eine Plattform, die genau das möglich macht. So entstand Watch-Wiki. Seit März 2006 haben es rund fünf Dutzend Sammler, Uhrmacher und Hersteller geschafft, über 2.500 Artikel zu Uhren und deren Geschichte anzulegen. Möglich ist das nur, weil jeder auch ohne Programmierkenntnisse einfach im Browser Inhalte anlegen und verändern kann.
Klaus-Martin Meyer: Es steht Weihnachten vor der Tür. Angenommen Bill Gates würde Dir eine Uhr Deiner Wahl schenken. Für welches Modell würdest Du Dich entscheiden und warum?
Torsten Mischke: Mein Favorit wäre da wohl die Lange 1 Zeitzone. Daß meine Wahl auf eine Glashütter Uhr fallen würde, war wohl klar. Schließlich bin ich in Sachsen aufgewachsen und meiner Heimat sehr verbunden. Die Wahl der Marke ist für mich nicht ganz so einfach, dazu sind auch die Uhren der anderen Glashütter Hersteller viel zu interessant. Aber die Lange 1 Zeitzone ist für mich eigentlich die Krönung der Uhrmacherkunst. Diese Uhr mit 417 Werkteilen und 54 Lagersteinen besticht in allen Kategorien, die ich für die Bewertung einer Uhr für wichtig halte.
Klaus-Martin Meyer: Sagen Uhren etwas über Ihre Träger aus? Wenn dem so ist, was hat es zu bedeuten, dass ich gerne eine Hanhart Admiral trage, oder eine Mühle oder eine auch eine Nomos Tangente und dass meine Lieblingsuhr der Nomos Tangomat ist?
Torsten Mischke: Vorsicht, dem Kenner verraten die Uhren mehr als dem Träger lieb sein könnte! Ich gebe zu, daß ich die Uhren meiner Gesprächspartner zur Beurteilung von deren Persönlichkeit zu Rate ziehe. So lehrte mich die Erfahrung, daß Menschen die Plagiate tragen oft nach außen mehr darstellen wollen als sie zu leisten in der Lage sind. Von einer Vorverurteilung rate ich aber ab, oft ist es auch mangelnde Produktkenntnis. Ich freue mich immer wenn ich eine “ehrliche” Uhr sehe, der Preis ist dabei für mich zweitrangig.
Du trägst abwechselnd eine Hanhart Admiral, eine Mühle und zwei Modelle von Nomos wobei der Tangomat von Nomos deine Lieblingsuhr ist. Jetzt soll ich dir nur an Hand dieser vier Uhren in die Seele schauen. Gut, ich versuche es: Alle deine Uhren haben ein mechanisches Werk, sie ticken. Dieses Ticken ist wie ein Herzschlag. Alles was ein Herz hat, hat auch eine Seele. Auch wenn das auf deine Uhren bezogen wissenschaftlich total falsch ist, so empfindest du das sicherlich so. Mein Rückschluß auf deine Persönlichkeit - Du liebst alles mit Seele: Menschen, Tiere und Uhren die ticken.
Die Fliegeruhr Admiral, Uhren von Mühle und die Nomos-Modelle zielen alle auf eine sportlich aktive Klientel ab. Soll ich jetzt raten, ob du sportlich aktiv bist?
Was sagt mir deine Lieblingsuhr und warum zweimal Nomos? Nomos ist für seine Uhren im Bauhausstil bekannt und berühmt. Bauhaus steht für Begriffe wie Funktionalismus, Klassische Moderne und neue Sachlichkeit. Genau so stellst du mir deine Fragen in diesem Interview. Der Tangomat bietet darüber hinaus die Vorzüge einer Automatikuhr. Etwas Bequemlichkeit gegenüber einer Handaufzugsuhr scheint Dir also zumindest angenehm zu sein.
Klaus-Martin Meyer: Wie erklärst Du Dir, dass so sich viele erfolgreiche Uhrenfirmen in einem kleinen “Dorf” wie Glashütte im Erzgebirge versammeln?
Torsten Mischke: Im Müglitztal hat Adolph Lange am 7. Dezember 1845 nach langen Verhandlungen mit dem königlich-sächsischen Ministerium des Innern eine beispiellose Entwicklung in Gang gesetzt. Der Gründer der Sächsischen Uhrenindustrie in Glashütte verstand es auf geniale Weise einen Wettbewerb in Gang zu setzen, der sich bis heute fortpflanzt. Der Gemeinschaftsgedanke hat diesen Produktionsstandort so weit nach vorn gebracht. Bei meinen Besuchen in Glashütte trugen Mitarbeiter der Firma Lange stolz ihre Uhren aus Zeiten des VEB GUB. Neben der Unterstützung aus der Schweiz ist der Erfolg der Glashütter Uhrenindustrie vorallem den Menschen in Glashütte zu verdanken. Auch wenn es vereinzelt Firmen gibt, die in der Erfolgswelle von Glashütte mitschwimmen wollen ohne die Tradition zu wahren und nur eine Postanschrift in Glashütte ihr Eigen nennen, Glashütte ist für mich “the never ending storry”.
Klaus-Martin Meyer: Was würdest Du Dir wünschen, wie sich deine Webprojekte in den nächsten fünf Jahren entwickeln sollen.
Torsten Mischke: GHUL soll die Palette Glashütter Uhren abbilden und somit eine spezifische Hilfe für Uhrenfreunde zum Thema Glashütte bleiben.
Wenn Watch-Wiki das wird, was es werden soll, dann ist es nicht mehr mein Erfolg. Dann werden aus fünf Dutzend Autoren fünfhundert Dutzend und du führst dein nächstes Interview nicht mehr mit mir sondern mit dem betsen Autor von Watch-Wiki!

