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Interview mit Thomas Reimelt zum Thema Software zur Inventarisierung von Kunst

Klaus-Martin Meyer: Thomas, du Inhaber der Reimelt IT Consulting könntest Du dein Unternehmen bitte kurz vorstellen?

Thomas Reimelt: Hauptsächliche beschäftigen wir uns mit individueller Softwareentwicklung. Dabei machen wir aber nicht nur reine Auftragsprogrammierung, sondern sind auch sehr gut darin, die Kunden bereits in der Konzeptionsphase und dem Requirement engineering, also der Anforderungsanalysen zu unterstützen. Das führt oft zu deutlichem Mehrwert für die Kunden.

Klaus-Martin Meyer: Zum Beispiel?

Thomas Reimelt: Einer unserer Kunden kam Anfang des Jahres und wollte, dass wir für Ihn eine Excel Tabelle zur Berechnung von Solaranlagen  entwickeln. Also für wie viele Module brauche ich wie viel Kabel, Dachhaken usw.. Dabei ist es relevant, wie die einzelnen Module auf dem Dach angeordnet sind. Diese Tabelle wollte er seinen Kunden zur Verfügung stellen, um den Bestellprozess zu optimieren. Das war ihm sehr wichtig, da seine Mitbewerber solche Tabellen ebenfalls anbieten. Würden wir „nur“ programmieren, hätte er jetzt diese Tabelle. Nach unserer Beratung hat er sich aber für eine andere Lösung entschieden. Auf seiner Webseite haben seine Kunden jetzt auf einer graphischen Oberfläche die Möglichkeit, eine Solaranlage zu konfigurieren und zu bestellen. Diese Lösung hat für den Kunden viele Vorteile. Er muss keine Exceltabelle verteilen, er bekommt immer nur Bestellungen aus der aktuellen Version mit den aktuellen Preisen und Stücklisten und darüber hinaus besuchen seine Kunden jetzt regelmäßig seine Webseite.

Klaus-Martin Meyer: Du hast mir auch von einem Kunst Projekt erzählt, was hat es damit auf sich?

Thomas Reimelt: Ich habe durch Zufall einen freien Kunstarchivar kennengelernt. Er verdient sein Geld damit, für eine Landeskirche alle Kirchen zu besuchen und in diesen Kirchen das Kunst und Kulturgut zu inventarisieren. In den Kirchen befindet sich eine ungemein große Menge an Kunstschätzen und es ist oft so, dass zwar jeder Pastor weiß, was sich in seiner Kirche befindet, aber die existierenden überkirchlichen Verzeichnisse stammen oft noch aus der Vorkriegszeit. Er macht diese Arbeit jetzt bereits sein fast 20 Jahren und hat mehr als 15000 Objekte inventarisiert. Während dieser Arbeit hat sich bei ihm eine Idee für eine Systematik entwickelt, die eigentlich revolutionär ist.
Das Grundproblem bei der Inventarisierung des Kunstgutes ist es, dass fast jedes Stück ein Unikat ist. Es ist zwar sehr einfach für einen Kunsthistoriker jedes einzelne Stück für ein Inventar zu beschreiben, aber das Problem ist, dass zwei verschiedene Kunstsachverständige ein und dasselbe Stück fast zwangsläufig anders beschreiben werden. Zum Beispiel kann man eine Mutter Gottes auch als Maria oder Madonna bezeichnen. Alle drei Bezeichnungen sind richtig, aber wenn man im Inventar dann zum Beispiel alle Madonnen eines Bistums finden möchte, bekommt man nur ein Drittel der Ergebnisse angezeigt, weil die Marien und Mütter Gottes nicht gefunden werden. Solche einfachen Probleme versucht die am Markt verfügbare Software für den Museumsbereich dadurch zu lösen, dass ein Thesaurus verwendet wird. Das führt aber spätestens da zu Problemen, wo etwas nicht mehr durch einen Begriff, sondern nur durch einen ganzen Satz beschrieben werden kann.
Gemeinsam mit dem Kunstarchivar habe wir jetzt eine Software zur Inventarisierung von Kunstgut entwickelt, die dieses Problem dadurch löst, dass der Archivar nicht mehr einfach sein Wissen über das Kunstgut in das System eingibt, sondern sein Wissen über das Stück systematisch mit dem im System gespeicherten Wissen vergleicht.

Klaus-Martin Meyer: Das hört sich sehr aufwändig und kompliziert an.

Thomas Reimelt: Das System ist eigentlich extrem einfach und die Erfassung des Kunstgutes geht sogar schneller, als wenn man einen Text zu dem Objekt formulieren muss. Dabei geht auch eigentlich keine Freiheit in der Beschreibung verloren. Sollte der Experte einmal ein Objekt beschreiben müssen, für das das Wissen im System fehlt, kann er das Wissen sehr einfach ergänzen.

Klaus-Martin Meyer: Ehrlich gesagt, kann ich mir das noch nicht vorstellen.

Thomas Reimelt: Es ist so ähnlich wie das Bestimmen von Pflanzen in der Botanik. Man entscheidet sich zwischen Alternativen und aufgrund der Alternativen werden weitere passende Details abgefragt. Wie zum Beispiel hat der Baum Blätter oder Nadeln. Falls er Nadeln hat wird die Farbe, Länge usw. abgefragt, falls er Blätter hat wird das Aussehen des Blattrandes abgefragt. Ein Nebenprodukt aus der Entwicklung der Software ist übrigens auch eine Software mit der jeder Laie zuverlässig etwas bestimmen kann. Falls unter Deinen Lesern jemand ist, der Experte auf einem bestimmten Gebiet ist und Interesse daran hat, mit seinem Wissen Geld zu verdienen, würde ich mich freuen, wenn er sich bei mir meldet. Die Themen Heraldik und alte Apfelsorten, sind allerdings schon vergeben.
Auf jeden Fall ist der große Vorteil der Software, dass auf die gleiche Weise wie bei der Erfassung auch nach Ausstellungsobjekten oder Kunstobjekten gesucht werden kann. Dadurch ergeben sich völlig neue Möglichkeiten für die Forschung. Auswertungen, die heute noch den Arbeitsaufwand einer Magisterarbeit haben, können mit unserer Software innerhalb von Sekunden durchgeführt werden.

Klaus-Martin Meyer: Gibt es den schon Kunden für die Software?

Thomas Reimelt: Die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Mecklenburgs arbeitet seit letzter Woche mit der Software und wir haben in den letzten Wochen einige Präsentationen gehabt, wo wir durchweg positives Feedback bekommen haben.

Klaus-Martin Meyer: Zum Abschluss wie gewohnt unsere Standardfrage. Wie wird Reimelt IT Consulting sich in den kommenden fünf Jahren entwickeln und über welche Themen werden wir dann sprechen?

Thomas Reimelt: Ich hoffe, dass sich unsere Systematik zur Erfassung von Kunst und Kulturgut zu einem Standardverfahren entwickeln wird und dass durch unsere Bestimmungsprojekte Wissen erhalten werden kann. Aktuell ist es zum Beispiel so, dass die Heraldik (Wappenkunde) eine aussterbende Wissenschaft ist. Die meisten Heraldikexperten haben längst das Rentenalter erreicht. Ich hoffe durch unsere Software dieses Kulturgut erhalten zu können.

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Ein Kommentar zu “Interview mit Thomas Reimelt zum Thema Software zur Inventarisierung von Kunst”

  1. Christian sagt:

    Danke für das Interview. Im Prinzip handelt es sich technisch bei der Kunstinventarisierungsdatenbank um eine Wissensdatenbank, die durch einen Entscheidungsbaum strukturiert wird (s. http://de.wikipedia.org/wiki/Entscheidungsbaum ), oder? Das wäre ja kein ganz neuer Ansatz, für die Inventarisierung aber tatsächlich wohl ein recht neues Konzept.

    Für Musik könnte ich mir ja sowas auch sehr gut vorstellen.

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