Nordkorea Ulrich Kelber “Wenn das Regime sich nicht wirtschaftlich öffnet, wird das Land kaum vorankommen.” - Im Gespräch mit Ulrich Kelber (MdB) zu seiner Nordkoreareise » Interview Blog

“Wenn das Regime sich nicht wirtschaftlich öffnet, wird das Land kaum vorankommen.” - Im Gespräch mit Ulrich Kelber (MdB) zu seiner Nordkoreareise

Klaus-Martin Meyer: Herr Kelber, Sie waren kürzlich das erste Mal in Nordkorea. Entsprach dieser Besuch in einer sicherlich ganz anderen Welt Ihren Erwartungen?

Ulrich Kelber: Ich hatte mich ja schon vorher durch mündliche und schriftliche Berichte vorbereitet. Dennoch gab es Dinge, die mich positiv und Dinge, die mich negative überrascht haben. Zu den negativen Dingen gehört die Uniformität und die Kontrolle, zu den positiven der gute Ausbildungsgrad der Menschen und das Bemühen, das Land voranzubringen.

Klaus-Martin Meyer: Die politische “Großwetterlage” auf der koreanischen Halbinsel ist aktuell sicher angespannter denn je. Die nordkoreanischen Gespraechspartner haben ihre Version des Untergangs der Cheonan erlaeutert. Wie realistisch ist diese?

Ulrich Kelber: Ich bin kein Experte in solchen Fragen, das verbietet eine eigene Einschätzung. Nordkorea hat sich allerdings natürlich schon allein durch die Racheandrohungen im November sehr verdächtig gemacht. Aber in der Tat muss sich auch Südkorea Fragen gefallen lassen. Warum lässt man nicht eine unabhängige Kommission die Indizien untersuchen? Warum bekommen die Überlebenden nicht die Erlaubnis zur öffentlichen Aussage?

Klaus-Martin Meyer: Mit der Firma Nosotek haben Sie auch ein Joint-Venture unter deutscher Beteiligung in Pjöngjang besucht. Welche Eindrücke von den Arbeitsbedingungen und dem Arbeitsalltag der Software-Entwickler kann man als MdB aus diesem Teil des nordkoreanischen Wirtschaftsleben mitnehmen? Konnten Sie sich überzeugen, dass Nosotek tatsächlich auch für den internationalen Markt entwickelt?

Ulrich Kelber:
Ja, wir konnten typische Produkte für den internationalen Markt sehen. Das hat mich als Dipl.-Informatiker natürlich sehr interessiert. Die Programmierer und Grafiker haben augenscheinlich einen sehr hohen Ausbildungsgrad, die technische Ausrüstung entsprach mit einer wichtigen Ausnahme westlichen Standards. Diese Ausnahme ist der fehlende Internetanschluss in der Firma selbst. Das erschwert natürlich das Business und die Kundenbetreuung etwas, ist aber für die eigentliche Softwareentwicklung keinerlei Hindernis.

Die Arbeitsbedingungen waren die gleichen, wie ich sie in deutschen Startups oder auch in Schwellenländern gesehen habe. Zu den Löhnen konnte man uns aufgrund der ja auch in Deutschland üblichen Vorschriften keine Aussagen geben. Dennoch hatte ich das Gefühl, dass die Angestellten schon zur Mittelschicht gehören, soweit es diese in Nordkorea gibt.

Klaus-Martin Meyer: Wie schätzen Sie die unternehmerischen Chancen und Riskien für ausländische Unternehmer in Nordkorea ein?

Ulrich Kelber:
Das kann man nach einem Besuch wohl kaum sagen, aber bei Nosotek scheint wohl wenig dem wirtschaftlichen Erfolg im Weg zu stehen. Risiken wäre eine weitere Abschottung des Regimes oder weiterreichende Sanktionen. Die gut ausgebildeten Mitarbeiter, was mir auch in anderen Projekten wie z.B. Handwerk und Landwirtschaft bestätigt wurde, sind eine große Chance für alle Unternehmen.

Klaus-Martin Meyer: Zum Abschluß wie gewohnt unsere Standardfrage (nicht nur bei Interviews zu kommunistischen Ländern). Wo steht Nordkorea aus Ihrer Sicht Nordkorea in fünf Jahren?

Ulrich Kelber: Wenn das Regime sich nicht wirtschaftlich öffnet, wird das Land kaum vorankommen, trotz aller Anstrengungen, z.B. die Infrastruktur zu erhalten. Selbst bei einer leichten Öffnung könnte Nordkorea aber wirtschaftlich enorm zulegen, da Infrastruktur und gut ausgebildete Arbeitskräfte vorhanden sind. Ob es politisch zu Tauwetter kommt, hängt sowohl von den Machtverhältnissen im nordkoreanischen Regime nach Lösung der Nachfolgefrage als auch von der Frage, ob in Südkorea die Hardliner das Sagen behalten, ab.

Weiterführende Informationen: Reisebericht von Ulrich Kelber, Ulrich Kelber auf Twitter

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2 Kommentare zu ““Wenn das Regime sich nicht wirtschaftlich öffnet, wird das Land kaum vorankommen.” - Im Gespräch mit Ulrich Kelber (MdB) zu seiner Nordkoreareise”

  1. Deutsche Parlamentarier besuchten Nordkorea: Was sie gemacht und besprochen haben « Nordkorea-Info sagt:

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  2. „Reisetagebuch“ zum Besuch der deutschen Parlamentarier in Nordkorea « Nordkorea-Info sagt:

    […] PDRTJS_settings_346508_post_1116 = { “id” : “346508″, “unique_id” : “wp-post-1116″, “title” : “%22Reisetagebuch%22+zum+Besuch+der+deutschen+Parlamentarier+in+Nordkorea”, “item_id” : “_post_1116″, “permalink” : “http%3A%2F%2Fnordkoreainfo.wordpress.com%2F2010%2F06%2F14%2Freisetagebuch-zum-besuch-der-deutschen-parlamentarier-in-nordkorea%2F” } Update (15.06.2010): Passt zwar inhaltlich nicht hundertprozentig zu Kiesslers Artikelserie aber thematisch sehr gut zu der Reise der Parlamentarier an sich, daher schreib ichs kurz hier dazu: Der Interviewblog hat nach dem Interview mit dem Bundestagsabgeordneten Ulrich Kelber nochmal nachgelegt und Frank Hantke von der Friedrich-Ebert-Stiftung, der ebenfalls zu der Delegation der SPD gehörte, zu der aktuellen und künftigen Rolle der Stiftung in Nordkorea, seiner Einschätzung der aktuellen Situation und der Zukunft des Landes und den Chancen wirtschaftlicher Kooperation befragt. Das Interview ist etwas ausführlicher als das mit Kelber und Hantke betrachtet das Ganze von einem eher wissenschaftlichen Standpunkt aus. Schöne ergänzende Infos zu dem, was man bisher lesen konnte. […]

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