Interview mit Corinna E. A. Schütt, Autorin von “Schulen gehen in die Öffentlichkeit”
Die Ergebnisse der PISA-Studien, zunehmende Gewalt an Schulen und der stetige Rückgang von Schülerzahlen und Schulbudgets sind wiederkehrende Schlagzeilen in den Medien. Die Kommunikationsberaterin und Autorin des Buches “Schulen gehen in die Öffentlichkeit”, Corinna E. A. Schütt, erzählt was Schulleitungen und Lehrkräfte tun können, um ihre Schule aus solchen und ähnlichen Medienberichten herauszuhalten.
interview-blog.de: Von Ihnen erschien im April ein Fachbuch für Schulleitungen über Imagepflege an Schulen und Öffentlichkeitsarbeit? Warum haben Sie es geschrieben?
CS: Als Beraterin für Öffentlichkeitsarbeit und Mutter eines Grundschülers wurde ich auf die Bedürfnisse und Nöte von Schulen in der Öffentlichkeitsarbeit aufmerksam. Ich verfolgte die “Bildungsschlagzeilen” in der Presse und stellte bald fest, dass viele Schulen wenig über gezielte Öffentlichkeitsarbeit wissen. Lehrer und Schulleitungen sind und werden während ihres Studiums darin kaum ausgebildet. Und so wird Öffentlichkeitsarbeit in der Praxis meist nebenbei und eher punktuell betrieben. Dabei sollte sie gut geplant und kontinuierlich sein, wenn Schulen damit langfristig erfolgreich sein wollen. Und mir fiel auf, dass es nur wenige Möglichkeiten zur Fortbildung und kaum Fachliteratur speziell für Öffentlichkeitsarbeit an Schulen gibt.
interview-blog.de: Vielfach müssen Lehrer heute zusätzlich zum Unterricht täglich akute Probleme bewältigen, wie Sprachprobleme, eskalierende Gewaltbereitschaft und anderes. Warum sollten sie sich da zusätzlich mit Öffentlichkeitsarbeit befassen?
CS: Das Thema ist deshalb so wichtig, weil sonst für alle anderen wichtigen Zusatzaufgaben immer wieder das Geld fehlt. Auch sollten Schulleitungen wissen, wie man dieses enorm veränderte Spektrum des Lehrberufes öffentlich macht, damit eben keine negativen Schlagzeilen wegen einer Schulhofprügelei erscheinen, sondern die inhaltliche Arbeit der Schule dargestellt wird. Auf diese Weise lassen sich viel eher Förderer und Sponsoren finden, die das Angebot der Schule erweitern helfen und das Image dauerhaft verbessern. Auch sollte man die rechtlichen Bedingungen für Kooperationen, im Urheberrecht und im Internet gut kennen, um das Risiko teurer Überraschungen zu reduzieren. Leider ist das nicht Gegenstand der pädagogischen Ausbildung.
interview-blog.de: Kritiker meinen, dass es aber nicht sinnvoll sein kann, nur mit PR-Methoden auf eine positive Presse und ein gutes Image zu achten, wenn die pädagogische Arbeit noch getan werden muss.
CS: Zu diesen Kritikern gehöre ich auch: Zuerst muss intern die Basis für die glaubwürdige Ausstrahlung einer Schule nach außen gelegt wird. Diese Arbeit ist aber immer pure Kommunikation, wie der ganze Lehrerberuf. Auch notwendige Veränderungen müssen stets von Kommunikation begleitet werden, sonst entstehen Missverständnisse oder die Menschen sind gar nicht erst zur Mitarbeit zu bewegen - ob es nun die eigenen Kollegen, Schüler, Eltern, Vorsitzende von Fördervereinen oder Sponsoren sind. Als drastisches Beispiel einer Veränderung fällt mir mein ehemaliges Gymnasium Neckargemünd ein, das 2003 vollständig abbrannte. Nur durch konsequent gute Kommunikation, mit der aber nicht erst im Krisenfall begonnen wurde, konnte die Schule buchstäblich wie Phönix aus der Asche neu entstehen und erhielt trotz zwischenzeitlicher Unterbringung der Schüler in Behelfsunterkünften mehr Anmeldungen als je zuvor. Inzwischen bieten die Schüler die Reststücke ihrer abgebrannten Gebäude wie zu Zeiten des Falls der Berliner Mauer zum Kauf an. Vom Erlös unterstützen sie den Geschichtsunterricht. Nur Schüler, die sich mit ihrer Schule identifizieren, entwickeln solch brillanten Ideen. Dazu trägt Kommunikation wesentlich bei.
interview-blog.de: Bleibt deshalb Ihrer Meinung nach die pädagogische Arbeit einer Schule Stückwerk, wenn parallel keine geplante Öffentlichkeitsarbeit stattfindet?
CS: Schulleitungen müssen andere darauf aufmerksam machen können, dass an der Schule etwas passiert, das in sich schlüssig ist und zum pädagogischen Konzept passt. Ganz ohne Pressearbeit geht es nicht, wenn auch die Schüler selbst und ihre Eltern die wichtigsten Botschafter einer Schule sind. Auch mit diesen muss man kommunizieren können: Eltern, die sich nicht ernst genommen fühlen, schicken ihre Kinder an andere Schulen, wodurch die Schule wegen zu geringer Anmeldungen Gefahr läuft, geschlossen zu werden. Zumindest aber wird deren Verteilschlüssel für öffentliche Gelder immer kleiner.
interview-blog.de: Inwiefern kann Öffentlichkeitsarbeit Schulen beim erhöhten Wettbewerb unterstützen?
CS: Der Wettbewerb zwingt die Schulen dazu, ihre Arbeit öffentlich zu machen. In einem eher behördlichen System war das weniger notwendig. Damit diese Arbeit von Anfang an souverän gemeistert werden kann, habe ich mein Buch zugleich als Lese- und Lernbuch als auch als Nachschlagewerk konzipiert. Es ist also keine aufwendige Beispielsammlung. Vielmehr finden Pädagogen darin außer Grundwissen zur Öffentlichkeitsarbeit und deren Anwendungsbereichen an Schulen, ausgewählte Beispiele für alle Schulformen, praktische Übungen und Tipps sowie Adressen und Internetlinks. So ist es auch für die Lehrerausbildung geeignet. Referendare erfahren beispielsweise, was sie mit Kommunikation und Imagepflege an ihrer Schule von übermorgen erreichen können. Nicht nur ihnen steht das im Viola Falkenberg Verlag in Bremen (www.falkenberg-verlag.de) erschienene Buch übrigens auch als eBook zur Verfügung. So lassen sich selbst die Imageprobleme des Lehrerberufes durch gezielte Öffentlichkeitsarbeit beheben. So war die “Berliner Rede” des Bundespräsidenten zur Bildungspolitik im September ein Beispiel für öffentliche Lehrer-Motivation.
Stichworte: Falkenberg Verlag Schulen gehen in die Öffentlichkeit
