“Doch was ich erlebt habe, hat meine Vorstellungskraft absolut gesprengt.” - Werner Kranwetvogel über seine fotografische Dokumentation der Massenspiele „Arirang“ in Pjöngjang » Interview Blog

“Doch was ich erlebt habe, hat meine Vorstellungskraft absolut gesprengt.” - Werner Kranwetvogel über seine fotografische Dokumentation der Massenspiele „Arirang“ in Pjöngjang

Klaus-Martin Meyer: Herr Kranwetvogel, Sie sind der Autor des Bildbandes “A Night in Pyongyang”. Würden Sie sich und Ihr Buch bitte kurz vorstellen?

Werner Kranwetvogel: Das Buch ist eine fotografische Dokumentation der Massenspiele „Arirang“, die 2005 in Pjöngjang, Nord-Korea aufgeführt wurden. Mein Buch ist der weltweit erste und einzige Bildband zu diesem Thema. Die Ursprünge der Massenspiele liegen in der deutschen Turner-Bewegung des als „Turnvater“ bekannt gewordenen Lehrers und Nationalisten Friedrich Ludwig Jahn (1778–1852). Die erste öffentliche Aufführung der von ihm angeführten patriotischen Turner fand 1860 in Coburg mit 970 Teilnehmern statt; sie war nicht viel mehr als eine Darstellung körperlicher Ertüchtigung mit einigen wenigen künstlerischen Elementen. Die Massenspiele der Demokratischen Volksrepublik Korea (Nord-Korea) hingegen sind gewaltige Shows mit Aber-Tausenden von Teilnehmern. Die Vorführungen enthalten immer noch Elemente körperlicher Ertüchtigung, doch werden diese in einer sehr ästhetischen Form präsentiert. Veranstaltungen dieser Art waren in den verschiedenen Ländern des Ost-Blocks, in der DDR, der Tschechoslowakei, Jugoslawien oder der Sowjetunion, sehr populär. Doch die in Nord-Korea aufgeführten Massenspiele stellen diese all Veranstaltungen weit in den Schatten. Die Arirang-Show, die ich besuchen konnte, hatte insgesamt 100.000 Teilnehmer (!) und dauerte über zwei Stunden. Sie sind die definitiv größte Show der Welt.
In meiner Foto-Strecke der Massenspiele interessiert mich sowohl die perfekte Choreographie der Massen, als auch die Hingabe, mit der die einzelnen Darsteller ihre Rolle erfüllen. Neben weit ausholenden und beeindruckenden Totalen mit tausenden von synchron tanzenden Darstellern, springe ich immer wieder ganz nah an einzelne Tänzer heran, hebe sie heraus aus der Menge, zeige die Leidenschaft und ihre totale Hingabe an den Moment. Einen ersten Einblick in die Serie bietet die Website des Buches http://www.a-night-in-pyongyang.de.

Klaus-Martin Meyer: Können Sie beschreiben, was für ein Gefühl es ist, Zuschauer bei der größten Show der Welt zu sein?

Werner Kranwetvogel:
Ich bin Regisseur, also Profi wenn es um Inszenierungen geht und wollte daher die Massenspiele unbedingt einmal in meinem Leben sehen. Doch was ich erlebt habe, hat meine Vorstellungskraft absolut gesprengt. Es war so intensiv, dass ich am ersten Abend, als wir nach der Show wieder vor dem Stadion standen, nicht geglaubt habe, dass ich das gerade gesehen habe. Erst am zweiten Abend habe ich begriffen, dass ich hier tatsächlich sitze und das tatsächlich erlebe.
Die Bilder in meinem Buch sind so präsentiert, wie ich selbst die Show erlebt habe – also ohne jede Erklärung. Als ich vor dem 1.Mai-Stadion in Pjöngjang stand, hatte ich nur eine vage Vorstellung davon, was mich erwarten würde. Von innen konnten wir bereits Rufe und lautes Klappern hören, ohne zu wissen, dass dies von den Schülermassen stammt, die den Hintergrund bilden. Plötzlich tauchte eine erste Gruppe von Turnern aus dem Nichts auf, lief singend an uns vorbei und verschwand einige Augenblicke später wieder im Dunkeln.
Im nächsten Moment verteilte unsere Fremdenführerin die Tickets, und wir wurden ins Innere des Stadions geführt. Niemand hatte uns genau erzählt, was wir in den nächsten beiden Stunden sehen würden. Wir kannten alle lediglich Bilder von Massenspielen, manche von uns hatten sogar ein paar Filmausschnitte gesehen. Doch niemand kann dich wirklich auf den Moment vorbereiten, wenn du in diesem gigantischen Stadion sitzt, es ist absolut still, die Lichter werden langsam gelöscht und plötzlich mit einem Schlag wieder angeschaltet, die Musik setzt ein und Tausende von Darstellern in farbenfrohen Gewändern laufen quer über das Spielfeld auf dich zu und beginnen die erstaunlichste Tanz- und Gymnastikaufführung in absolut perfekter Synchronizität. Dieser Moment übersteigt jegliche Fassungskraft, und so geht es ungefähr zwei Stunden weiter. Bei unserem zweiten Besuch hatten wir die Möglichkeit, eine Aufwärmsession der Schüler zu sehen, die den Hintergrund bilden. Bei dieser Gelegenheit zeigten diese 20.000 Kinder ihre wahren Kunstfertigkeit: Es gab nur ein einziges Bild, und dieses war zusammengesetzt aus den Namen der einzelnen Schulen, die am Hintergrund teilnehmen. Indem sie einfach nur diese eine Seite öffneten und wieder schlossen, erzeugten sie perfekte Linien, die von oben nach unten liefen und wieder zurück, von einer Seite zur anderen hinüber – und all das über die gesamte Breite des Stadions, in absoluter Perfektion und mit schier unglaublicher Geschwindigkeit. Wir sahen unregelmäßige Muster, die wie Bildstörungen über einen gewaltigen Monitor krochen, und wir sahen das gesamte Bild schlagartig schwarz werden, als alle Schüler gleichzeitig und sehr schnell ihre Bücher zuklappten, mit ihren Füßen aufstampften und im gleichen Moment den Namen ihrer Schule herausschrien. Es klang wie ein Pistolenschuss, kombiniert mit einem Schrei aus 20.000 Kinderkehlen. Diese 20-minütige Session war die unglaublichste Sache, die ich in meinem gesamten Leben gesehen hatte.

Klaus-Martin Meyer: Angenommen Turnvater Jahn hätte neben Ihnen auf der Tribüne gesessen. Worüber hätten Sie sich unterhalten?

Werner Kranwetvogel: Ich glaube, Turnvater Jahn wäre genauso überwältigt gewesen, wie ich, doch wäre er sicher begeistert gewesen, dass seine Idee immer noch lebt. Wobei Jahn ja eine recht ambivalente Figur war. Die sportliche Ertüchtigung seiner Mitglieder war für ihn nur ein Mittel, um eine nationalistisch geprägte Massenbewegung zu schaffen, deren erklärtes Ziel war, Preußens Jugend auf den Kampf gegen die napoleonische Besetzung vorzubereiten. Dabei schwingen in seiner Ideologie massiv fremdenfeindliche Töne und ein starker Wunsch nach einem großdeutschen Reich mit, dem auch Holland, Österreich und die Schweiz angehören würden. Die Verbindung von Massensport mit nationaler sich in den Massenspielen Nord-Koreas erhalten, nur haben sich die Inhalte natürlich extrem verschoben. Aber es wäre sicher spannend, den Turnvater mit den Organisatoren der Massenspiele zusammenzubringen.

Klaus-Martin Meyer: Angenommen man wollte die nächsten Massenspiele auch einmal live erleben. Was muss man anstellen, um dies zu tun?

Werner Kranwetvogel: Man braucht einen Reiseveranstalter, der Touren in Nordkorea organisiert. Um daran teilnehmen zu können, braucht man ein Visum, das man ein paar Monate im voraus beantragen sollte. Unsere Reise ging ab Peking, Flug nach China und entsprechendes Visum für die Volksrepublik kommen also dazu. Diese Gruppenreisen, die vom Nordkoreanischen Tourismusverband zusammengestellt werden sind die einzige Form, das Land zu bereisen. Es gibt keine Möglichkeit, einfach hinzufliegen, sich am Flughafen einen Mietwagen zu nehmen und loszustarten. Die Reisengruppen werden durchgehend von zwei Guides begleitet und diese zeigen einem das Land. Man hat sich das folgendermaßen vorzustellen: Abfahrt vom Hotel ist 8 Uhr, man fährt zur ersten Sehenswürdigkeit, wird von einem Local Guide empfangen, der einem alles wichtige darüber erzählt, dann können ein paar Fotos gemacht werden, zurück in den Bus und ab zum nächsten Monument. Auf diese Art und Weise sieht man sehr effektiv alle wichtigen Sehenswürdigkeiten – aber auch wenig darüber hinaus. Trotzdem ist es eine unglaublich intensive Erfahrung und es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht an diese Reise denke.
Die Massenspiele selbst finden unregelmäßig statt. Die Spiele, die ich sehen konnte, wurden noch drei Jahre wiederholt und liefen dieses Jahr zum letzten Mal. Nun ist eine lange Pause bis 2012, wo aller Voraussicht nach eine neue Inszenierung aufgeführt werden wird.

Klaus-Martin Meyer: Zum Abschluss interessiert uns üblicherweise ein Ausblick. Könnten die Massenspiele eines Tages ein Exportartikel Nordkoreas sein, der so selbstverständlich wie ein Pink Floyd-Konzert die großen Stadien füllt?

Werner Kranwetvogel: Ich glaube, das wird schwer, weil der logistische Aufwand so gigantisch ist. Ein Pink-Floyd-Konzert wird bestritten von einer Handvoll Musikern und einem riesigen technischen Apparat für die Show. Die Musiker kann man in einen Bus packen und die Technik auf einen großen Fuhrpark von Trucks. Die Massenspiele leben von der gigantischen Menge von Teilnehmern, einem Heer von 100.000 Tänzern, deren Betreuer, Trainer und Organisatoren noch nicht eingerechnet. Selbst wenn es einem gelänge, für all diese Künstler Reisevisa zu bekommen, halte ich den logistischen Aufwand für nicht realisierbar. Zum anderen stellt sich hier die Frage nach den Inhalten. Die Massenspiele in Nordkorea leben von ihrer eigentümlichen Mischung aus Propaganda, Showelementen und Gymnastik, sie sind inszeniert für ein nordkoreanisches Publikum, das meiner Information nach freien Eintritt hat. Sie sind ein spektakulärer Teil der gigantischen Inszenierung des Staates. Diese Inhalte einfach außerhalb des Landes eins zu eins zu übernehmen würde bedeuten, sie von ihrer wichtigsten Kraftquelle abzukoppeln. Sie aber so zu modifizieren, dass die Codes auch von Nicht-Nord-Koreanern verstanden werden, hieße, der Show ein wesentliches Element zu rauben. Insofern glaube ich, dass sie innerhalb des Staatswesens in Nordkorea eine wichtige Funktion haben und dort auch gut aufgehoben sind, aber nicht wirklich transportierbar sind. Wer sie erleben will, muss dorthin. Auch das ist Teil ihrer Wirkung. Ich kann jedem diesen Weg nur empfehlen.

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