dotcomtod Matthias Süß “Scheitern ist keine Schande.” - Im Gespräch mit Matthias Süß zu dotcomtod.com 2.0 » Interview Blog

“Scheitern ist keine Schande.” - Im Gespräch mit Matthias Süß zu dotcomtod.com 2.0

Klaus-Martin Meyer: Matthias, Du hast unlängst dotcomtod.com vor dem unwürdigen Dasein als Parking-Seite gerettet. Wie kam es dazu?

Matthias Süß: Auslöser war Verärgerung. Über das Blendwerk und die Nebelkerzen führender WebZwoNullen, die Ausbeutung, die in machen WebZwoNull-Klitschen betrieben wird, die freiwillige Jubelperserei vieler Journalisten.

Zuerst habe ich auf meinem privaten Blog darüber geschrieben. Beim Entstauben ist mir dann der Roman Liquide von Don Alphonso wieder in die Hände gefallen und irgendwann hatte ich den eigentlich recht unrealistischen Einfall, dotcomtod.com zu kaufen. Ich habe wohl gleich ein sehr akzeptables Angebot unterbreitet, denn großartig verhandeln musste ich nicht mehr.

Übrigens habe ich Lanu die Domain als Weihnachtsgeschenk angeboten – Sie hat aber dankend abgelehnt.

Klaus-Martin Meyer: Im Zuge des Platzens der Bubble 1.0 erinnere ich mich sowohl auf dotcomtod.com als auch auf fuckedcompany.com auch an einen humoristischen Ansatz in der Betrachtung des unternehmerischen Schiffbruchs. Was wird Dein Ansatz sein?

Matthias Süß: Ein wenig Ironie, so hoffe ich zumindest, kann man auch im Arbeitstitel DCT 2.0 erkennen. Es gibt kein DCT reloaded, insofern muss ich dahingehende Erwartungen enttäuschen. Boocompany ist der offizielle DCT-Nachfolger. Ich habe großen Respekt vor Lanu und ihrer Leistung. Exitorientierte Unternehmensmeldungen empfehle ich daher auch direkt dort einzuliefern.

Mit DCT 2.0 verfolge ich ein ganz anderes Ziel. Unerfreuliche Tendenzen und Mißstände möchte ich beschreiben, auf Hypes hinweisen, die nicht nur bei mir ein Kopfschütteln auslösen. Wenn ich den ein oder anderen damit vor einem großen Fehler bewahren kann, würde mich das freuen, wenn ein Blender der Branche demaskieren kann ebenso.

Ich habe keinen Spass daran, das Ende eines kleines Startups zu verkünden. Lieber nehme ich einen großen Mitspieler, der vielen kleinen als Vorbild gilt, und lüfte wie es hinter der potemkinschen Fassade aussieht.

Klaus-Martin Meyer: Wir haben hier im Interview-Blog bereits im Juli 2007 versucht Interviewpartner aus dem Segment toter Dotcoms zu finden (Name der Rubrik: “Und was kommt jetzt“), waren aber alles andere als erfolgreich. Brauchen wir insgesamt einen neuen Umgang mit dem Scheitern? Immerhin haben es die Jungs, die scheitern, wenigstens versucht!

Matthias Süß: Scheitern ist keine Schande. Als eine Schande empfinde ich die Gründe für das Scheitern bei jemanden anderen zu suchen: den Mitarbeitern, die nicht 60 Stunden die Woche für einen Hungerlohn arbeiten wollten; der Investor, der ruhig noch ein paar Millionen hätte zuschießen können; die Presse, die das Unternehmen tod geschrieben hat; die Banken … und überhaupt alle anderen. Menschen mit dieser Einstellung reden nicht gern über sich und die eigene Idee als einzigen Grund für das Scheitern. Viele Protagonisten der .COM-Blase waren Blender. Und seien wir uns ehrlich: Es ist nicht gerade karrierefördernd in einem interview einzugestehen, dass man größenwahnsinnig Millionen in den Sand gesetzt hat.

Klaus-Martin Meyer: Auf Deutsche-Startups.de fällt mir in den Kommentaren auf, dass da ungeheuer viele arrogante Schnösel kommentieren, die schon bei der Gründung eines Startups genau erklären können, warum das nicht funktionieren kann. Sind es diese unsympathischen Typen, die bei Dir am eifrigsten Lesen werden?

Matthias Süß: Ich lese diesen Blog nicht regelmäßig. Allerdings vermute ich die Schnösel, die die Wahrheit gepachtet zu haben scheinen, eher auf der anderen Seite. Und falls ich gefragt werde, ob man das Scheitern eines Projektes bereits zu Anfang erkennen kann – mit genügend emotionalen Abstand und Bauchgefühl – dann ist meine Antwort ein klares “ja”. Projekte, die im Businessplan ausschließlich “Werbeeinnahmen” stehen haben beispielsweise. Es gibt wenige Ausnahmen, Qype ist eine davon. Da hatte ich von Anfang an ein gutes Gefühl.

Was ich hingegen sehe sind Kopien von Kopien von Startups, die in den USA schon vor dem Exit stehen oder bereits über den Jordan gegangen sind. Wenn an solchen Projekten mit Ironie Kritik geübt wird, dann ist das mehr als passend und ich empfinde das als überaus sympathisch.

Die wenigsten Startups haben eine reale Chance, sind nur von fast schon kranker Phantasie getrieben. Wegen mir darf es jeder versuchen, solange er sich so fair verhält und andere Menschen nicht mit in den Orkus reisst.

Klaus-Martin Meyer: Wäre es nicht sinnvoll, dass Du in spätestens einem Jahr, wenn der neue zyklische Höhepunkt bei Dotcomsterben erreicht ist, deutsche-startups.de aufkaufst (und mit Anteilen bezahlst), um dann auf den Wellen des ewigen ökonomischen Auf und Ab in die Zukunft surfen zu können?

Matthias Süß: Wenn ich das Projekt zu ähnlich günstigen Konditionen erwerben kann, dann gerne. Ich zahle allerdings bar. Was viele überlesen haben: DCT 2.0 ist mein Privatvergnügen, kein Kommerz und demnach gibt es auch keine Anteile. Wenn ich keine Lust mehr darauf habe, gebe ich es gerne in wohlwollende Hände weiter.

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4 Kommentare zu ““Scheitern ist keine Schande.” - Im Gespräch mit Matthias Süß zu dotcomtod.com 2.0”

  1. Megaset sagt:

    “Übrigens habe ich Lanu die Domain als Weihnachtsgeschenk angeboten – Sie hat aber dankend abgelehnt.”

    Sie bestreitet das in ihrem Blog. Was sollen also diese Märchen?

  2. klm sagt:

    Hallo Megaset,

    fyi: http://identi.ca/notice/1238248

    grusz
    klm

  3. Megaset sagt:

    Wer spricht denn von der .de-Domain?

  4. Keyword Spammer sagt:

    Hallo und guten Tag Matthias,

    ich habe dieses Interview aufmerksam gelesen, sogar zweimal, um es richtig zu verstehen und ferner habe ich mich über “www.deutsche-startups.de” und “http://www.matthiassuess.de” informiert.

    Eine deiner schönsten Aussagen, “Scheitern ist keine Schande. Als eine Schande empfinde ich die Gründe für das Scheitern bei jemanden anderen zu suchen”, blieb sofort in meinem Gedächtnis hängen!
    Ich finde es sehr gut, dass Du dich um den Erhalt, diverser Internetseiten kümmerst!

    Deine Meinung teile ich gerne!

    Danke!

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